Das Monster der Erwartungen

Aktualisiert: 29. Nov 2018

All die Monate vor der Reise haben wir uns mit den Aussichten auf die Reise die nötige Motivation geschenkt, die harte Zeit zu überstehen. Wenn das Wetter nichts als Matsch oder Frost für uns übrig hatte, haben wir an die schöne Zeit gedacht die uns bevor stand. Diese Gedanken haben uns durchhalten lassen. Immer wenn es schwer wurde, die Versuchung zu groß, an das angesparte Geld ran zu gehen, haben wir uns die Zukunft ausgemalt. Wenn wir traurig waren oder gestresst, träumten wir uns unser Traumschloss zurecht mit den schillerndsten Farben die es nur gab.

Die Zukunft war so verheißungsvoll, als wenn ein Gläubiger von seinem Paradies spricht.

Die Perfektion war für uns real, wir stellten unser Unterbewusstsein kalt und gaben uns den Träumen hin.


In klaren Momenten erkannten wir die Gefahr, die eine zu große Erwartung birgt aber wenn man sich 18 Monate auf ein Ereignis vorbereitet, lässt sich die Erwartung darauf nicht einfach abstellen.

Als die finale Phase eingeläutet wurde, die Reise kurz bevor stand und unsere Herzen sich überschlugen wie bei frisch Verliebten, wenn wir an die nahende Reise dachten, waren die Erwartungen auf ihrem Höhepunkt.

Die Luft muss erfüllt sein von dem Duft der fruchtigsten Pflanzen, der Himmel so blau wie die Himmeltapete unserer Tochter, das Meer so sauber und klar, dass man die unzähligen bunten Fischen bis zur Erdkrümmung erkennen kann und in den Tälern müssen Einhörner grasen die so weiß waren, als würden sie den ganzen Tag Bleiche saufen.

DOCH ES KAM ANDERS

Wir wurden von dem größten Flugzeug welches wir je gesehen haben (trotzdem keine Beinfreiheit), in unsere lang ersehnte Freiheit gespuckt. Über 30 Grad, der Himmel war grau und Gepäck in unserem übermüdeten Zustand doppelt so schwer. Die Kinderaugen starrten ungläubig auf ihre neue Umgebung und fragten uns telepathisch, ob wir sie verarschen wollen.

Was haben wir ihnen nicht eingeredet wie schön Thailand wird. Bei jeder Kleinigkeit, wenn den Kindern ihr gutes Benehmen entglitt, drohten wir damit, dass sie nicht mit nach Thailand dürfen. Alles in diesem Land musste die pure Freude sein, wenn man unseren Erzählungen glauben durfte. Es muss das gelobte Land sein für unsere Kinder.

Doch wir stiegen aus dem Flieger und bekamen erst mal eine ordentliche Portion Realität ins Gesicht geschleudert. Gestank, Lärm, Hitze und dann der Regen. Wäre es für unsere Kinder eine Option gewesen, sie wären direkt in den nächsten Flieger wieder nach Hause geflogen.

An diesen falschen Erwartungen waren wir selbst Schuld. Wir hätten ihnen erklären sollen, dass das Paradies noch eine weitere Tagesreise auf sich warten lässt. Wenn auch deutlich misstrauischer, besserte sich ihre Laune und es flammte wieder etwas Hoffnung in ihnen auf.

Uns selbst war ja bewusst, dass Bangkok nicht der Heilige Gral für uns ist, und wir diesem Moloch erst noch entfliehen mussten, bevor wir uns endlich der großen Schönheit darbieten durften. Und dennoch: Es machte sich ein wenig Enttäuschung breit. Warum musste es ausgerechnet am 1. Abend regnen? Auch noch aus Eimern! Dies kam in unserer perfekten Vorstellung nicht vor.


Nun begann das nervöse Lauern auf das überwältigende Gefühl, welchem wir so lange Zeit entgegengefiebert haben. In Bangkok setzte es jedenfalls nicht ein, und auch noch nicht in Chiang Mai, auch wenn wir dort bereits ein viel positiveres Gefühl hatten. Doch richtig „klick“ hat es einfach nicht gemacht. Klar, wir fühlten uns gut und frei von Sorgen, Stress und Ängsten aber es hat uns einfach noch nicht geküsst, dass Gefühl welches die Endorphine überkochen lässt. Das Gefühl welches man haben muss, wenn man sein Leben lang blind war und auf einmal das Meer sieht oder wie ein Tiger der auf engsten Raum eingesperrt war um dann kurz bevor er resigniert, in den großen Dschungel flüchten kann.

Wir fühlten uns wie in einem ganz normalen Urlaub. Gut, satt und nett unterhalten. Aber es fühlte sich nicht wie unser neues Leben an, welches wir uns so oft vorgestellt hatten.

Also musste es an dem Ort liegen. So zogen wir weiter um unser Glück zu suchen. Und wir kamen an einen sehr schönen Ort. Dieser lud zum glücklich sein ein und das wurden wir auch... Alles schien perfekt zu sein doch in uns nagte das hungrige Monster was nach Perfektion giert und zwang uns neue Orte zu finden, die all das verkörperten was wir bereits gefunden hatten, nur eben noch ein bisschen mehr.

So wurden wir in den Süden getrieben und damit zu den Stränden auf die wir uns so lange gefreut hatten. Doch das Monster war noch immer hungrig. Das Wasser war zu aufgewühlt und die Menschen zu aufdringlich. Paradies geht anders!

Uns dämmerte langsam, dass Erwartungen bullshit sind.

Man kann das Paradies nicht finden, das Paradies kann nur uns finden.

Wir verschwenden kostbare Zeit auf der Suche nach dem perfekten Ort und dem perfekten Gefühl, und haben viel zu spät erkannt, dass wir ihn schon lange gefunden haben.

Vier sich liebende Menschen sind nach so langer Zeit ihrem Albtraum entflohen und leben nun vereint in den Tropen. Wir können jeden Morgen aufstehen und gemeinsam Spass haben, ohne Verpflichtungen. Einfach die Zeit miteinander genießen und dem Schauspiel des Zufalls frönen. Die kapitalistische Gier nach mehr und mehr haben wir schon lange hinter uns gelassen, nun sollten wir an unseren aufgeblähten Erwartungen arbeiten und erkennen, dass jeder Ort in Freiheit unser persönliches Paradies sein kann.

Wenn wir völlig unvorbereitet in den perfekten Ort stolpern, genießen wir dieses Geschenk, auch wenn wir ihn nicht erwartet oder beschworen haben. Dann schauen wir uns gegenseitig in die Augen und wissen, dass alles über uns 4 Menschen hinaus nur Bonus ist zum glücklich sein!

TEXT: Alex

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